Dienstag, 24. Juli 2007

Hexenverfolgung und der Aufstieg und Fall der großen Mächte

Ein großes Rätsel beschäftigt seit langem Historiker und andere Sozialwissenschaftler: Warum war es gerade Europa, das seit dem 15. Jahrhundert die Welt eroberte? Zur gleichen Zeit gab es waffentechnisch mindestens ebenbürtige, wenn nicht überlegene Anwärter auf diese Position, den Islam und China. Beide Zivilisationen waren ökonomisch und technisch dem Europa der frühen Neuzeit überlegen.

Gunnar Heinsohn entwickelt dafür in seinem Buch "Söhne und Weltmacht" in einem Kapitel seine Theorie dazu (Hier habe ich Heinsohn'sche Thesen schon mal besprochen). Kein Wunder, dass Heinsohn den europäischen Youth Bulge, nämlich eine gewaltige europäische Bevölkerungsexplosion zwischen 1485 und 1875 dafür verantwortlich macht. Diese Bevölkerungsexplosion eröffnete Europa die Möglichkeit, seine Bevölkerung erobernd, raubend aber auch wirtschaftend in die ganze Welt zu schicken und die europäischen Großreiche aufzubauen.

Eine ähnliche Bevölkerungsexplosion gab es im Islam und in China zu dieser Zeit nicht. Warum?

Hexenverfolgung als Bevölkerungspolitik

Heinsohn macht dafür die Hexenverfolgung verantwortlich, die 1450 begann und zwischen 1550 und 1560 ihren Höhepunkt fand. Die Hexenverfolgung sei eben nicht die Verfolgung alter Frauen in schiefen Häusern im Wald gewesen - die als Hexen verfolgten und umgebrachten Frauen waren vor allem Hebammen, die Frauen sowohl dabei halfen, ihre Kinder zu bekommen als auch dafür, sie abzutreiben. Diese Sages Femmes hielten das Wissen über die Geburtenkontrolle.

Dass es den kirchlichen und auch weltlichen Autoritäten dabei weniger um Magie, sondern mehr um die Verhinderung von Abtreibungen und damit der Zerstörung von Wissen über die Geburtenkontrolle geht, dafür spricht laut Heinsohn auch das Verschwinden des Speculums, das im Mittelalter noch bekannt war. Erst 1813 wurde es von Recamier neu erfunden.

So sei auch das berühmteste Werk zur Hexenverfolgung, der Hexenhammer von 1486, vor allem ein Werk gegen die Geburtenkontrolle gewesen. Die siebenfache Hexerei des Hexenhammers, die mit der Todesstrafe zu ahnden war, bestand aus Ehebruch, der "Bewirkung männlicher Begattungsunfähigkeit", Kastration und Sterilisation, Empfängnisverhütung, Sodomie und Homosexulität, Abtreigung und Kindstötung.

Warum sollen die europäischen Fürsten und Kirchenführer an einer solchen systematischen Verfolgung von Hebammen Interesse haben?

Die Erklärung findet Heinsohn in der Pestepidemien zwischen 1348 und 1385. Diese Epidemien waren verheerend. Man schätzt, dass dabei ein Drittel der europäischen Bevölkerung umgekommen sei - diese Katastrophe übertrifft bei weitem den ersten und zweiten Weltkrieg. Heinsohn schätzt, dass allein die erste Pestepidemie eine Wirkung von 200 Hiroshimabomben hatte (siehe Grafik, die die europäische Bevölkerungentwicklung zwischen 500 n.Chr. und 1500 zeigt).

Die Wiederbevölkerung Europas war damit zur wichtigsten Aufgabe geworden. Den Preis dafür mussten die Hebammen zahlen. Darüber hinaus kam es zu einem gezielten Vorgehen gegen jede Art der Sexualität, die nicht unmittelbar mit dem Kinderkriegen zu tun hatte.

China und der Islam hatten keine Pestkatastrophe und verloren auch das Wissen um die Geburtenkontrolle nicht. Europa aber expandierte mit seinen Kinderwellen in die Welt.

Montag, 23. Juli 2007

Was ist neu an den neuen Kriegen?

Eigentlich gar nicht so viel, schreibt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler in seinem Buch "Die neuen Kriege". Die neuen Kriege sind meistens innerstaatliche Kriege, die sehr lang - manchmal an die 20 Jahren - dauern, von Warlords geführt werden, von denen man nicht immer sagen kann, ob sie nicht eigentlich simple Kriminelle sind (siehe meinen Beitrag über den Unterschied zwischen Staat und Mafia). Diese neuen Kriege werden mit kleinen Handfeuerwaffen, auch mit Macheten und Messern von oft privaten Akteuren geführt.

Der klassische Krieg als historische Ausnahme

Neu sind diese Kriege eigentlich nicht, nur anders als das, was man in Europa als klassische Kriege bezeichnet wird. Zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert hat sich in Europa der Krieg immer mehr institutionalisiert: stehende Armeen, die vom Staat bezahlt werden, kämpfen miteinander in Schlachten; es gibt eine klare Trennung zwischen Kombattanten und nicht-Kombattanten; es gibt eine klare Trennung zwischen Krieg, der formal mit der Kriegserklärung eröffnet wird, und Frieden, dem ein formaler Friedensvertrag vorangeht.

Während also diese klassischen Kriege im Raum und in der Zeit begrenzt sind - die Schlacht entscheidet über Gewinner und Verlierer -, sind die neuen Kriege sowohl zeitlich als auch räumlich unbegrenzt. Sie nähren sich aus sich selbst, eine klare Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden gibt es gar nicht mehr. Es entstehen Kriegsökonomien, in denen sich der latente Kriegszustand in Gesellschaft und Wirtschaft frisst.

Ist das so neu? Münkler sagt nein. Denn der klassische Krieg, den Staaten gegeneinander führen, ist das historisch neue und auch einmalige. So erzählt Münkler die Geschichte des Krieges als Geschichte der Entstehung und des Verfalls des Gewaltmonopols. Wo es den Staat heute nicht mehr gibt, so Münkler, entstehen Kriege, die es in dieser Form schon gab, bevor es den Staat noch nicht gab.

Auch der 30jährige Krieg war unbegrenzt in Zeit und Raum und eine eigenen Kriegsökonomie bildete sich: Die Krieger waren eben nicht klar definierte Kombattanten, sondern bezahlte Freischärler (z.B. die Landsknechte wie im Bild), die nicht immer die Ziele ihrer Herren verfolgten, sondern schnell raubten, brandschatzten, vergewaltigten und die Zivilbevölkerung tyrannisierten wie es ihnen gefiel - ganz so wie es die neuen Krieger tun.

Ökonomie der neuen Kriege

Einen entscheidenden Unterschied macht Münkler aber doch zwischen den vor- und den poststaatlichen Kriegen aus: Die neuen Kriege spielen sich in offenen, nicht in geschlossenen Ökonomien ab. Was heißt das?

In geschlossenen Ökonomien sind die Ressourcen begrenzt: Irgendwann gibt es für die Freischärler nichts mehr zu brandschatzen oder zu beschlagnahmen, irgendwann ist der letzte Bauer ausgeraubt und die Wirtschaft am Boden. Stehen sich zwei Gegner in einem solchen Krieg gegenüber, hat der verloren, dessen Ressourcen als erstes zu Ende gehen. Übrig bleibt der andere, der dann aus seinem Warlord-Status so etwas wie eine Staatlichkeit aufbauen kann.

Ganz anders aber, wenn der Krieg sich in offenen Kriegsökonomien abspielt. Das ist das neue Moment der neuen Kriege. Die Warlords können sich an die Globalisierung andocken und somit immer wieder neue Ressourcen in ihren Krieg pumpen: Der Anbau von Kokain in Kolumbien versorgt die Gegner schon seit Jahrzehnten, der Opiumanbau in Afghanistan hat dort die Kombattanten mit Geld und Waffen versorgt, in Afrika sind es Diamanten und andere Rohstoffe. Auch die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft kann zur Ressource werden. In vielen Bürgerkriegen wird die Versorgung von Flüchtlingslagern durch die internationale Gemeinschaft als Ressource für Medikamenten und Nahrungsmittel der Kriegsgegner eingerechnet: Die Warlords und ihre Truppen können sich dort neu versorgen.

In einer solchen Ökonomie kann der Krieg endlos sein, weil keine Seite in ihren Ressourcen begrenzt ist. Das ist einer der Gründe dafür, dass viele neue Kriegen teilweise seit Jahrzehnten vor sich hin schwelen. Und das ist auch einer der Gründe dafür, dass es nicht zu einer erneuten Staatenbildung kommt. Denn wenn niemandem die Ressourcen ausgehen, bleiben die Warlords dort und können sich weiter gegenseitig bekriegen und aus dem Krieg ihren Profit schlagen.

Die dort entstehende Ökonomie des Krieges treibt besonders Jugendliche und Kinder in den Krieg. Sie haben in einer Gesellschaft, die keine wirtschaftlichen Grundlagen mehr hat, weil alle Produktionsstätten sofort ausgeraubt werden, keine andere Möglichkeit, sich Geld und soziales Prestige zu verschaffen als im Krieg. So ernähren sich die neuen Kriege selbst.

Sonntag, 22. Juli 2007

Youth Bulge statistisch

Heinsohns These des "Youth Bulge" hat den Vorteil, dass sie sich sehr gut statistisch testen lässt. Denn Daten über den Anteil der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung und Krieg gibt es. Mit statistischen Methoden lässt sich dann zeigen, ob es einen Zusammenhang zwischen den beiden Größen gibt.

Das haben Henrik Urdal vom Internationalen Institut für Friedensforschung in Oslo und Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung gemacht. Beide untersuchen den Einfluss des Jugendanteils und des Entwicklungsstandes eines Landes auf die Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Konfliktes in diesem Land zwischen 1950 bis 2000 (Urdals Text ist hier, Kröhnerts Text hier zu finden).

Auch wenn sich die Methoden teilweise unterscheiden, finden beide einen statistisch signifikanten Einfluss des Youth Bulges auf die Konfliktwahrscheinlichkeit.

Diese Graphik aus Urdals Text zeigt noch mal genauer die Theorie, die er testet: Kommt es gleichzeitig mit dem Youth Bulge zu einer Bildungsexpansion, steigen auch die Erwartungen der Jugendlichen an eine gute Beschäftigung. Wenn es diese aber wegen einer schlechten wirtschaftlichen Lage nicht gibt, steigt die Enttäuschung. Verstärkt kann das werden, wenn sie auch keine Möglichkeit haben, sich politisch einzubringen, etwa in einem autokratischen System. Die Folge des Youth Bulge ist dann der Konflikt, der schnell eskalieren kann.

Tatsächlich findet Urdal heraus, dass Konflikte bei einem vorhanden Jugendüberhang durch geringes Wirtschaftswachstum und einem instabilen politischen System zu mehr Konflikten führt. Dabei ist der Einfluss des politischen Systems aber nicht geradlinig: Denn ein sehr autokratisches System wird die Gewalt der Jugendlichen einfach niederschlagen, auf der anderen Seite werden sich die Jugendlichen in einer Demokratie einbringen können. Die Gefahr der Gewalteskalation ist also in instabilen, nicht demokratischen Staaten am höchsten, etwa wenn die Regierung zwar autoritär ist, aber nicht über ein uneingeschränktes Gewaltmonopol verfügt.

Die Kombination zwischen Youth Bulge und einer stagnierenden Wirtschaft konzentriert sich besonders in Ländern mit einer islamischen Bevölkerungsmehrheit, was dort Konflikte wahrscheinlicher macht. Das hat auch der Kulturkampftheoretiker Huntington gesehen:

"I don’t think Islam is any more violent than any other religions, and I suspect if you added it all up, more people have been slaughtered by Christians over the centuries than by Muslims.

But the key factor is the demographic factor. Generally speaking, the people who go out and kill other people are males between the ages of 16 and 30. During the 1960s, 70s and 80s there were high birth rates in the Muslim world, and this has given rise to a huge youth bulge. But the bulge will fade. Muslim birth rates are going down; in fact, they have dropped dramatically in some countries."


Interessant ist auch ein anderes von Urdals Ergebnissen: Tatsächlich hat der Youth Bulge von 1950 bis 1989 einen signifikant positiven Einfluss auf Konflikte, nach 1990 aber einen nicht signifikant negativen. Damit lehnt Urdal auch die alarmistische These des Youth Bulge als Treibkraft einer gänzlich neuen Art von Gewalt ab.

Auch Kröhnert schreibt, dass das Gesamtrisiko von größeren und intensiveren Konflikten durch einen Youth Bulge nicht steigen dürfte. Tatsächlich sei der Youth Bulge gerade auf dem höchsten Punkt und werde bald wieder, ab 2010, abnehmen - und damit auch die Konfliktwahrscheinlichkeit.

Eine schöne Karte von Kröhnert zeigt die Konfliktwahrscheinlichkeit, die er aufgrund seines statistischen Modells für 2010 prognostiziert:

Samstag, 21. Juli 2007

Asymmetrische Demografie

Um nur kurz den Punkt vom vorherigen Post zum "Youth Bulge" zu veranschaulichen: Heinsohn geht im verlinkten Fernseh-Interview auch auf die demografische Situation der OECD-Staaten ein und ihre Bereitschaft und Möglichkeit Krieg zu führen. Denn während in vielen islamischen Ländern der Anteil der jungen Männer an der Gesamtbevölkerung gerade explodiert, ist er in den reichen Industriestaaten sehr gering und rückläufig.

Das führt dann im Irak-Krieg dazu, dass den kriegsführenden Industrie-Staaten ihre Soldaten ausgehen. So warnt der britische Heereschef davor, dass die Armee personell mit dem Afghanistan- und dem Irak-Einsatz überfordert ist und keine Möglichkeiten mehr hätte, auf unerwartete Einsätze zu reagieren. Gleichzeitig fordern die USA eine verstärkte Rolle der UNO (Artikel siehe hier).

Ein bisschen Statistik mit Gapminder ist dabei ganz interessant: Libanon ist mit 2,4 Kindern pro Frau sehr nah an den USA mit 2 Kindern pro Frau und GB mit 1,7 Kindern pro Frau. Auf der anderen Seite liegt die Geburtenrate in der West Bank und in Gaza bei ca. fünf Kindern pro Frau.

Jetzt müsste man Heinsohn nur mal die Frage stellen, warum GB und die USA in den Krieg gezogen sind, obwohl sie doch ganz bestimmt keinen Youth Bulge haben.

Demografiebomben

Beim Ausbruch der neuen und der alten Kriegen spielt die Demografie eine entscheidende Rolle, so zumindest Gunnar Heinsohn, Völkermord-Forscher aus Bremen. Er hat ein Buch dazu geschrieben, das sich "Söhne und Weltmacht" nennt (hier kann man es auch als PDF herunterladen).

Seine These ist einfach: Wo der Anteil junger Männer in einem Staat besonders groß ist und gleichzeitig die Wirtschaft schwach, kommt es zu Gewalt und Krieg. Denn der erste, vielleicht noch der zweite Sohn einer Familie mag es in eine Position mit sozialem Ansehen und Bezahlung schaffen, aber nicht mehr der dritte oder gar vierte und fünfte Sohn. Heinsohn formuliert das knackig als Ungleichgewicht zwischen Positionen und Ambitionen. Die Tötung der anderen zwecks sozialem und ökonomischem Aufstieg bringt dann das neue Gleichgewicht.

Dieser "Youth Bulge" - also der Überhang junger Männer im kampfesfähigen Alter (15-30 Jahre) - sucht sich dann Ideologien, die ihr Töten legitimieren, denn Mörder und einfache Kriminelle wollen sie nicht sein. Ob das Marxismus, Nationalismus oder heute Islamismus ist, spiel laut Heinsohn keine Rolle: Hauptsache man kann das eigene Töten mit einer Ideologie veredeln und vor sich selbst rechtfertigen.

(Mit diesen Thesen ist Heinsohn auch ins Fernsehen gekommen, hier kann man ihn im Philosophischen Quartett im Gespräch mit Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk anschauen.)

Die Logik des Youth Bulge nutzt Heinsohn auch für die Analyse aktueller Konflikte. In einem Artikel der FTD stellt er die These auf, dass der Libanon trotz einer politisch angespannten Lage nicht mehr wie Mitte der 70er Jahre in einen Bürgerkrieg fallen wird: Der Youth Bulge hat sich in diesem Krieg schlicht selbst beseitigt. Mittlerweile gibt es eben ein Gleichgewicht zwischen Positionen und Ambitionen. In Palästina ist das aber genau umgekehrt. Dort ist die Geburtenrate und auch der Anteil der jungen Männer an der Gesamtbevölkerung sehr viel höher. Kein Wunder, so Heinsohn, dass es zum Bürgerkrieg kommt.

Hier der Artikel unter der Überschrift "Demografische Bombe":

"Kommt es im 60-jährigen Kampf zwischen Israelis und Palästinensern (1947-2007) zu etwa 12.000 Toten, weil die jüdische Seite gezielt und nicht blindwütig reagiert, so schaffen die wahllos tötenden libanesischen Fraktionen in nur einem Viertel der Zeit ein Zwölffaches der Opfer.

Der demografische Treibsatz hinter den libanesischen Bürgerkriegstötungen ist bis heute nicht bewusst. Meist werden die vielen Religionen oder die Juden Israels beschuldigt. Bei jeder passenden Gelegenheit wird aus Gedankenlosigkeit, aber auch aus Sensationslust ein Wiederaufflammen des levantinischen Blutvergießens beschworen. Nach dem Hariri-Mord im Februar 2005 und nach dem Syrer-Abzug im April 2005 sollte es losgehen, dann wieder nach dem Hisbollah-Krieg gegen Israel im Sommer 2006 sowie nach der Ermordung Gemayels im November 2006 und seit dem 20. Mai 2007 wegen des Islamistenaufstands in der Palästinenserstadt Nahr al-Barid.

Gewiss hat es dort bis Mitte Juli über 200 Tote gegeben, darunter 89 Soldaten und 75 Fatah-Anhänger. Aber gegenüber 1000 Opfern monatlich auf dem Höhepunkt des Bruderkriegs erweisen sich die Voraussagen der Terrorexperten immer wieder als irreführend. Sie haben nicht nur die Explosion der Geburtenzahlen auf sieben pro Frau nach 1945, sondern auch ihren Absturz auf erst 3,4 im Jahre 1990 und dann auf nur noch 1,8 im Jahre 2007 übersehen. Jetzt liegt der Libanon bereits hinter den USA (2,09) und Frankreich (1,98) und ist in den Kreis der schnell alternden Nationen eingetreten. Sein Durchschnittsalter hat sich zwischen 1970 und heute von 14 auf 28 Jahre verdoppelt. Selbst der 1960 geborene Hisbollah-Führer Nasrallah, der noch als eines von zehn Kindern um die Zuwendung seines Vaters konkurrieren musste, hat nur fünf eigene Kinder. Er aber will Vorbild für suizidale Krieger sein, während sein Erzeuger lediglich den Aufgaben eines Gemüsehändlers nachging.

Die jungen Libanesen aus dem Jahrgang 1992 (3,2 Geburten pro Frau), die jetzt 15 Jahre alt werden und angeblich vom Steinewerfen zum Schießen übergehen wollen, sind nicht weniger hormonell erregbar und religiös zersplittert als ihre Vorgänger des Jahrgangs 1962 (6,4 Geburten pro Frau). Aber heute gibt es in dem ungebrochen dynamischen Land für nahezu jeden Tüchtigen eine Position. Die Früchte eines Sieges oder die Ehren eines Heldentodes verlieren dann schnell an Attraktion. Überzählige Söhne als Nachwuchs für Todesschwadronen werden im Libanon schlicht nicht mehr erzeugt. Zwar kann die Hisbollah aus dem Iran und Syrien neue Waffen ohne Limit beziehen, aber sie hat Schwierigkeiten, ihre im Krieg gegen Israel verlorenen Eliteeinheiten wieder aufzufüllen.

Die Verwandlung auch der Libanesen zu Lohnarbeitern und die daraus erwachsende lebenslange Konkurrenz um Arbeitsplätze haben beim Gebären sehr schnell unter die Nettoreproduktion von 2,1 Kindern geführt. Dadurch sind ja auch Algerien oder Tunesien (jeweils von sieben auf unter zwei Geburten) längst ruhig geworden. Aber nicht überall im Libanon darf dieser Mechanismus greifen. In Palästinenserlagern wie Nahr al-Barid wird bis heute nicht nur ein zweites, sondern auch ein sechstes Kind - völkerrechtlich durchaus korrekt - als Flüchtling versorgt, wenn seine Abstammung auf Vertriebene von 1948 zurückgeführt wird, als die Vernichtung des jungen Israel scheiterte und Araber nach Israels Gegenoffensiven flohen.

Das Uno-Hilfswerk für Palästina (UNRWA), vorrangig finanziert von Brüssel und EU-Ländern, ernährt, kleidet und beschult in den Lagerstädten jedes Kind. Die Libanesen hingegen müssen für ihren Nachwuchs selbst zahlen und obendrein hinnehmen, dass ihre eigene demografische Abrüstung durch das Aufziehen von immer mehr Kriegern nebenan unterlaufen wird. Die Palästinenser des Libanon vermehrten sich zwischen 1950 und 2007 um 460 Prozent auf 415.000. Die Libanesen hingegen schafften trotz starken Wachstums bis 1985 "nur" eine Zunahme um 285 Prozent auf 3,9 Millionen.

Gleichwohl bietet das libanesische Umfeld mit der Aufnahme von etwa 215.000 Palästinensern (weitere 200.000 leben in UNRWA-Einrichtungen) weitaus bessere Arbeitsbedingungen als der Gazastreifen, der als nahezu reine UNRWA-Kolonie zwischen 1950 und 2007 um 617 Prozent auf 1,48 Millionen Einwohner explodiert ist. Und doch zeigen die Kämpfe zwischen überzähligen Fatah-Anhängern und eher raren libanesischen Soldaten, dass sich die UNRWA-Vermehrungspolitik im Libanon so gewalttätig auswirken kann wie in Gaza oder im Westjordanland."

Heinsohns Theorie eines Zusammenhangs zwischen Demographie und Konflikten lässt sich auch ideal statistisch prüfen. Dazu später mehr.

Donnerstag, 5. Juli 2007

Pakistan: Das Militär als Mafia?


In der Zeit Nr. 27 vom 28. Juni 2007 hat Ulrich Ladurner einen Artikel über Pakistan geschrieben: "Die Angst des Generals". Der Artikel illustriert einige Punkte aus meiner Besprechung von Charles Tillys Artikel zum Staat als Mafia.

Der General des Titels ist Pervez Musharraf, ein Armeegeneral, der sich 1999 in das pakistanische Präsidentenamt geputscht hat. Nach dem 11.9.2001 hat er sich auf die Seite der USA geschlagen, die ihm starke finanzielle und militärische Hilfe gewährt. Diese Hilfe macht Pakistan aber auch von den USA abhängig. Denn die Amerikaner drohen mit der Streichung der Hilfen, wenn Musharraf nicht genug gegen die Terroristen tut.

Die Islamisten selbst - und auch große Teile der islamischen Bevölkerung - schätzen Musharrafs Allianz mit den USA natürlich nicht. Der General kann aber auch nicht extrem gegen die Islamisten vorgehen, wie Ladurner schreibt:

"Kampf gegen die Taliban zu führen heißt für die pakistanische Regierung meist auch, die Paschtunen zu bekämpfen, die auf pakistanischer Seite der Grenze leben. Das ist eine heikle Angelegenheit für Musharraf, aus der seine Gegner leicht Kapital schlagen können. »Er führt auf Befehl der USA gegen das eigene Volk Krieg« – so kommentiert Abdul Raschid Ghazi [Ein Islamistenführer] die Forderung der USA an Musharraf, mehr gegen den Terrorismus zu tun. Die Brüder Ghazi sollen vor einiger Zeit eine Fatwa erlassen haben, wonach Soldaten, die in den pakistanischen Grenzgebieten kämpfend sterben, ein muslimisches Begräbnis verweigert werden soll. Das war ein gezielter Schlag gegen eine Armee, die sich als Wächter des islamischen Staates Pakistan versteht. Die Fatwa sollte die Soldaten in Gewissenskonflikte stürzen. Wenn sie ihre Befehle ausführten, würde Allah sie verstoßen."


Auch die Mittelschicht Pakistans ist nicht mehr mit dem Präsident zufrieden. Seit Monaten demonstrieren Anwälte vor dem Präsidentenpalast, weil Musharraf den Obersten Richter des Landes - Iftikar Chaudry - absetzen wollte. Ladurner schreibt, dass Chaudry Musharraf Schwierigkeiten bereiten könnte: Musharraf will sich zum Präsidenten wählen lassen, aber nicht den Oberbefehl über die Armee aufgeben, wie er eigentlich versprochen hatte. Chaudry könnte ihm dabei Schwierigkeiten machen, indem er den Präsidenten an prominenter Stelle an sein Versprechen erinnert.


Die Kontrolle über die Armee zu verlieren wäre für Musharraf schmerzlich, denn die Armee versucht nicht nur, das Gelwaltmonopl im Lande aufrechzuerhalten, sondern besitzt einen großen Einfluss auf die Wirtschaft des Landes. Das schreibt zumindest Ayesha Siddiqa, eine ehemalige Mitarbeiterin im Verteidigungsministerium:



"Viele aufgeklärte, westlich orientierte Pakistaner haben den Eindruck, dass Musharraf nicht nur unfähig ist, die Radikalen zu bändigen, sondern dass er seine Macht auch missbraucht. Die oppositionelle Senatorin Thamin Daudana findet dafür eine drastische Beschreibung. »Wir reden hier nicht mehr von einem Staat, sondern von einer Mafia!« Dieser Ausbruch wird verständlich, wenn man das Buch Military Inc.: Inside Pakistans Military Economy liest. Die Wissenschaftlerin Ayesha Siddiqa hat es in diesem Frühjahr in Islamabad vorgestellt. Es schlug ein wie eine Bombe. Siddiqa beschreibt detailliert, wie die Armee seit den fünfziger Jahren ein Wirtschaftsimperium gigantischen Ausmaßes aufgebaut hat. Sie verfügt über Ländereien, Immobilienfirmen, Reiseunternehmen, Fluggesellschaften und eine ganze Reihe anderer Unternehmen. »Das Militär«, sagt Siddiqa, »hat sich zu einer feudalen, räuberischen Kaste entwickelt.« Das Buch Siddiqas ist voller Zahlen und Beispiele, die den Pakistanern die Haare zu Berge stehen lassen. Die zahllosen Privilegien, vor allem für die hohen Offiziere, lassen sich sogar beziffern. Ein General repräsentiert demnach den Wert von rund sechs Millionen Euro. Siddiqa weiß, wovon sie spricht. Sie hat mehr als zwanzig Jahre lang im Verteidigungsministerium gearbeitet und sehr direkt miterlebt, wie das Militär sich jeder Kontrolle entzieht – und zu einem »Räuber« wird."


Die Situation in Pakistant ist also brenzlig. Musharraf steht von allen Seiten unter Druck in einem geopolitisch wichtigem Land mit Atomwaffen. Wer die Macht nach einem Sturz Musharrafs übernehmen könnte ist unklar, die Islamisten wären wohl dazu bereit. Das Militär hat aber die Mittel - scheinbar auch ökonomisch - die Macht weiterhin in den Händen zu halten.

Montag, 2. Juli 2007

Wie die Türken Europa befriedeten und den Protestantismus förderten

Murat Iyigun von der Universität Colorado hat dazu ein interessantes Paper mit dem Titel "Luther and Suleyman" geschrieben. Seine These ist, dass die osmanische Expansion nach Europa zwischen der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und dem frühen 17. Jahrhundert dazu geführt hat, dass sich die Europäer zusammenreißen und kooperieren mussten, um die Expansion aufzuhalten, besonders Protestanten und Katholiken. In der militärischen und politischen Hochphase des Osmanischen Reiches begann auch der Protestantismus sich durchzusetzen.

Als die Osmanen nach Europa kamen, standen sich gerade die deutsche protestantische Bewegung auf der einen Seite und der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches - Karl V. -, sein Bruder Ferdinand I. und der Papst auf der anderen Seite gegenüber. Besonders Ferdinand als König von Böhmen und Ungarn brauchte schnell viele Soldaten, um die Osmanen zurückzuschlagen (siehe Karte), auch von den Protestanten.

Beide Seiten waren sich darin einig, dass das schnelle Vordringen der Osmanen sie bedrohte. Besonders die Habsburger und der Papst sahen, dass sie den Protestanten für deren Unterstützung Zugeständnisse machen mussten, obwohl Karl V. vorher verkündet hatte, dass er die Revolte der Protestanten niederschlagen wolle. Im Nürnberger Religionsfrieden von 1532 stellte Karl V. die Verfolgung der Protestanten aber ein und gestand ihnen Rechte zu.

Die Protestanten ergriffen in dieser Situation die Chance, immer weitere Zugeständnisse der Habsburger und des Papstes zu bekommen. Im Gegenzug unterstützten sie Ferdinand mit Geld und Militär im Kampf gegen die Osmanen.

Iyigun testet in seinem Paper statistisch, ob das Vordringen der Türken zu weniger Konflikten in Europa und speziell zwischen Protestanten und Katholiken geführt hat. Dazu benutzt er einen Datensatz, der ab 1400 Konflikte weltweit auflistet - mit der Anzahl und der Identität der Konfliktpartien und den Orten und Daten der Konflikte. Tatsächlich findet er einen statistisch signifikanten negativen Zusammenhang zwischen der Anzahl der militärischen Konflikte, die das Osmanische Reich in Europa begonnen hat und der Anzahl der Gesamtkonflikte - ob zwischen oder innerhalb von Staaten - sowie der religiösen Konflikte in Europa.

Damit ist es den Osmanen zu verdanken, dass das katholische Religionsmonopol aufgebrochen wurde - mit den entsprechenden wirtschaftlichen Folgen. Auch wenn Max Webers These der protestantischen Arbeitsethik auf wackligen Füßen steht (z.B. weil es auch in überwiegend katholischen Regionen schon eine frühe Industrialisierung gab), so hat der Protestantismus doch so etwas wie Individualismus, vor allem aber Lese- und Schreibfähigkeit gebracht - Faktoren, die entscheidend für ökonomisches Wachstum sind.

Ein bisschen erinnert mich die Logik des Feindes, der von außen kommt, und gegen den man sich zusammenraufen muss, an Ronald Reagans Rede über Außerirdische vor der UN: